Gut gemeint…

15 Okt

Sie hatten es wirklich gut gemeint. In der windigen Herbstkälte standen sie draußen vor der Technischen Universität Braunschweig oberhalb der breiten Treppe des Altgebäudes und verteilten extra für diesen Anlass erstellte Handzettel. Die Besucher der Veranstaltung vom sogenannten „Friedenszentrums Braunschweig“ erklommen die Stufen und versuchten das Gebäude durch eine der Türen zu betreten, in deren Nähe keine anderen Menschen waren und so kam es, dass die fleißigen Zettelverteiler einen Schritt auf die Besucher zu gehen musste um diese mit ihrer Aufklärung zu erreichen. Die Menschen mögen sich gegenseitig nicht, sie stehen sich reserviert, wenn nicht sogar feindlich gegenüber. Weder mögen sie anderen zuhören, noch, wenngleich schon eher, ihnen etwas erzählen, sofern es dann belanglos genug ist.

Die Zettelverteiler hatten anderes im Sinn. Sie wollten den Menschen nichts erzählen im herkömmlichen Sinn, sie wollten den Menschen das madig machen, was die sich eigentlich nicht ausstehen könnenden doch noch zusammen hält, was sie eint: Eine diffuse Solidarität, wenn nicht gar Liebe zu ihrem Brudervolk, den „Palästinenser“ und ein äusserst konkreter, kategorischer Hass auf Israel und die Juden. Dass dies so sei, so hatten die Kritiker draußen davon eine gewisse Ahnung, keine andere Motivation schließlich verleitete sei dazu, sich dieser Unlust auszusetzen, anstatt die Friedensmichel Friedensmichel sein zu lassen und sich mit ein paar an materialistischer Kritik interessierten bei erfrischenden Kaltgetränken in geselliger Runde zusammen zu finden. Nein, ihr Idealismus war allgegenwärtig. Eine Veranstaltung kommentarlos stehen zu lassen, so der verfasste Text, die einen „guten Juden“ (so ein bekannter Braunschweiger Kinderarzt und Judenhasser auf einer Veranstaltung zu Antizionismus mit Thomas Haury) einlädt, um sich ihren eigenen Israel- und Judenhass als pazifistische, deutsche „Meinung“ bescheinigen zu lassen, wurde zurecht als das denunziert, was sie ist: infam.

Doch der Idealismus der Kritiker war groß, der Ton der Kritik war harmlos, so gut wie nicht polemisch und insbesondere zierte er sich davor, das Problem zu benennen. Statt den durchweg und ausnahmslos antisemitischen Charakter dieser Veranstaltung zu benennen, wurde sich hinter Floskeln versteckt, die versuchten die Kritisierten noch mit ins Boot zu bekommen und somit des Gegners Position doch noch zu umgarnen. Dass von dem israelischen Kronzeugen der Zionismus mit Faschismus gleich gesetzt wurde und dieser ein Anhänger der „Boycott, Divestment, Sanctions“, kurz „BDS“ war, wurde allerdings benannt. Für deutsche Gutmenschenlümmel, die sich in ihrer eigenen, zumeist verbeamteten, moralischen Dignität suhlen und/oder hohe „Opfer-“ und Witwenrenten beziehen, hingehen ein willkommener Anlass, sich endlich mal wieder gegenseitig seine Gesinnung zu bestätigen und den Juden das übel zu nehmen, was Deutsche eben am meisten stört, dass sie noch leben und zudem noch in der Lage sind sich mehr oder weniger zu verteidigen.

Dann kreuchten auch schon die ersten Elendsgestalten, denen das psychische und physische Elend tatsächlich aus dem Knopfloch lachte, die Treppe herauf. „Wisst ihr wer hier schon stand?“ fragte ein alter und ungepflegter Mann die jungen Menschen, seine Aufmerksamkeit genießend? Die Anwesenden ahnen es ohne es aussprechend zu wollen, was nicht auf den Inhalt des Gesprächs, sondern eine vermeidbare, längere Konversation mit dem in die Jahre gekommen Friedensfreund zurück zu führen ist. „Adolf Hitler“ offenbart er stolz und auf die Frage, ob dies bei seiner Einbürgerung in Braunschweig sich zugetragen hat, weiß der Friedensmichel kund zu tun, dass er sich des deutlichsten und vernichtendsten Argumentes gegen Rechtsradikalismus bewusst ist, welches darin besteht, „dass Hitler gar kein Deutscher, sondern Österreicher war“.

Die Karawane des Schreckens, des Verfalls und der Resignation schleppt sich forthin die Treppen hoch. Gestalten, die Teils selbst an Kriegsversehrte erinnern, kämpfen sich mit ihren Krücken die Treppe hoch und tuen kund, dass sie als deutsche Kriegsopfer keine Belehrungen über Krieg brauchen, schließlich wissen sie es selbst am besten, weil „das ja alles damals so schrecklich gewesen war“. Kein Argument ist zu dumm, Selbstreflektion ist ein Graus, es geht um pures Ressentiment. Diejenigen, die noch anständig laufen können und die fast schon all zu sehr an Lehrer und Pädagogen erinnern, nehmen das Flugblatt kritisch zur Kenntnis, tuen so als ob sie das Argument schon lange kennen und marschieren weiter. Es verwundert zu diesem Zeitpunkt dann doch, dass niemand wirklich des Lesens und Verstehens mächtig ist und Widerspruch einlegt. Auch wenn der Text der Kritik eher solidarisch ist, den Kern trifft es durchaus. Selbst die verschleierten Frauen nehmen den Text sorgsam an sich. Es gleicht einer Farce.

Die psychisch Gestörten nehmen derweil im Hörsaal platz und dann beginnt auch schon das Braunschweiger Volkstribunal gegen Israel. Von „jüdischen Konzernbossen, die die Welt regieren“ ist da die Rede, „dass man nicht immer auf die Deutsche Geschichte verweisen, sondern lieber mal einen Schlussstrich ziehen sollte“ aber besonders einig ist man sich und der Alibi-Jude Edo Medicks unterstreicht dies ausdrücklich, dass „Israel ein Fremdkörper in der Arabischen Welt“ ist. Das also ist des Friedenszentrums Friedensdefinition, die einzige Demokratie des Nahen Ostens als faschistisch (Zionismus ist Faschismus, so Edo Medicks) zu brandmarken um so gleich den menschenfeindlichen Königreichen, den steinigenden Clanherrschaften und den Atomwaffendikaturen einen deutsch-pazifistischen Persilschein zur Vernichtung Israels aus zu stellen.

Was Eike Geisel einmal schrieb und was dieser Tage oft rezipiert wird, ist schon lange nicht mehr gültig: „Dieser neue Antisemitismus erwächst weder aus niedrigen Instinkten noch ist er Ausfluss ehrbarer politischer Absichten. Er ist die Moralität von Debilen. Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.“

Zumindest den Vollzeitdebilen vom „Friedenszentrum Braunschweig“ kann nach dieser Veranstaltung zurecht vorgeworfen werden, Israel nicht aus Friedensgründen zu verdammen, sondern eine bewusste, eine koordinierte und geplante antisemitische Hetzkampagne gegen den einzigen Staat mit Existenzrecht zu führen. Antisemitische Gründe sind dabei eine zentrale Rolle und sie lassen sich erahnen, wo sie nicht bei diversen Kampagnen gegen das „Finanzkapital“, getragen von den gleichen,  irren „Antikapitalisten“,  offensichtlich werden. Leider ist Verrücktheit und Irrationalität kein Argument gegen Antisemitismus, sind „verschwendete“ Eisenbahnkapazitäten für zu vernichtende Juden kein Argument gegen Auschwitz, sondern dafür.

Unsere Helden sind derweil schon lange von den Toren der Universität abgezogen, während in den Räumlichkeiten noch über Fremdkörper schwadroniert wird. Was neben dem kalten Herbstwind bleibt ist die Frage, wie derlei Unvernunft in Zukunft zu begegnen ist. Mit polemischeren Flugblättern, Ignoranz oder etwa mit Gewalt? Die Hoffnung der Kritiker stützte sich sicherlich auch auf junge Leute, die für Kritik offen sind – wenn nun aber solcherart Veranstaltungen ausschließlich von überzeugten Antisemiten besucht werden? Was soll man tun?

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