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Der ehrbare Antisemitismus – Zum 100. Geburtstag von Jean Améry

31 Okt

Der ehrbare Antisemitismus

Die Barrikade vereint mit dem Spießer-Stammtisch gegen den Staat der Juden

Von Jean Améry

De Gaulle fiel. Mandl einem war trüb zumut wie einem Heineschen Grenadier; mir auch, mir auch. Nur leider, daß in New York dem französischen UNO-Delegierten Armand Berard nichts Besseres einfiel, als verzweifelt auszurufen (laut Nouvel Observateur vom 5. Mai): „C’est l’ or juif!“ Und kein Dementi. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht. Der Antisemitismus schafft’s und, wie es einst bei Stefan George hieß: er reißt in den Ring.“

Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Die alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz. Was war, das blieb und wird bleiben: der krummnasige, krummbeinige Jude, der vor irgend was – was sag ich? der vor allem davonläuft. So ist er auch zu sehen auf den Affichen und in den Pamphleten der arabischen Propaganda, an der angeblich braune Herren deutscher Muttersprache von einst, wohlkaschiert hinter arabischen Namen, mitwirken sollen. Die neuen Vorstellungen aber traten auf die Szene gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg und setzen langsamerhand sich durch: der israelische Unterdrücker, der mit dem ehernen Tritt römischer Legionen friedliches palästinensisches Land zerstampft. Anti-Israelismus, Anti-Zionismus in reinstein Vernehmen mit dem Antisemitismus von daznmal. Der ehern tretende Unterdrūcker-Legionār und der krummbeinige Davonlāufer stören einander nicht. Wie sich endlich die Bilder gleichen!

Doch neu ist in der Tat die Ansiedlung des als Anti-Israelismus sich gerierenden Antisemitismus auf der Linien. Einst war das der Sozialismus der dummen Kerle. Heute steht er im Begriff, ein integrierender Bestandteil des Sozialismus schlechthin zu werden, und so macht jeder Sozialist; sich selber freien Willens zum dummen Kerl.

Den Prozeß kann man nutzbringend nachlesen im dem schon vor mehr als einem Jahr in Frankreich bei Pauvert erschienenen Buch Gauche contre Israel“ von Givet. Es genügt aber auch, gewisse Wegmarken zu erkennen, beispielsweise eine in der Zeitschrift konkret erschienene Reportage zu lesen: „Die dritte Front“. „Ist Israel ein Polizeistaat?“ heißt da ein Zwischentitel. Die Frage ist nur rhetorisch. Natürlich ist Israel das. Und Napalm und gesprengte Häuser -friedlicher arabischer Bauern und Araber-Pogrome in den Straßen von Jerusalem. Man kennt sich aus. Es ist wie in Vietnam oder wie es einstens in Algerien war. Der krummbeinige Davonläufer nimmt sich ganz natürlich ans als Schrecken verbreitenden Goliath.

Es ist von der Linken die Rede und keineswegs nur von den noch mehr oder minder orthodoxen kommunistischen Parteien im Westen oder gar von der Politik der Staaten des sozialistischen Lagers. Für diese gehört der Anti-Israelismus, aufgepropft auf den traditionellen Antisemitismus der slawischen Völker, ganz einfach zur Strategie und Taktik einer so und so gegebenen politischen Konstellation. Die Sterne lügen nicht, die Gomulkas wissen, worauf sie rechnen dürfen. Ca bonne guerre! Darüber ist kein Wort zu verlieren.

Schlimmer ist, daß die intellektuelle Linke, die sich frei weiß von Parteibindungen, das Bild übernimmt. Jahrelang hat man – um einmal von Deutschland zu reden – den israelischen Wehrbanem gefeiert und die feschen Mädchen in Umform. In schlechter Währung wurden gewisse Schuldgefühle abgetragen. Das mußte langweilig wenden. Ein Glück, daß für einmal der Jude nicht verbrannt wurde, sondern als herrischer Sieger dastand, als Besatzer. Napalm und so weiter. Ein Aufatmen ging durchs Land. Jederkonnte reden wie die Deutsche National- und Soldaten-Zeitung; wer links stand, war befähigt, noch den Jargon des Engagements routinemäßig zu dekorieren.

Fest steht: der Antisemitismus, enthalten im Anti-lsraelismns oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar. Er kann ordinär reden, dann heißt das „Verbrecherstaat Israel“. Er kann es auf manierlichere Art machen und vom „Brückenkopf des Imperialismus“ sprachest, dabei so nebstbei allenfalls in bedauerndem Tonfall hinweisen auf die mißverstandene Solidarität, die so ziemlich alle Juden, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, an den Zwergstaat bindet, und kann es empörend finden, daß der Pariser Baron Rothschild die Israel-Spenden der jüdischen Bevölkerung Frankreich“ als eine Steuer einfordert.

Der Antisemitismus hat es leicht allerwegen, Die emotionelle Infrastruktur ist da, und das keineswegs nur in Polen oder Ungarn. Der Antisemit ‚denystifiziert“ den Pionierstaat mit Wohlbehagen. Es fällt ihm ein, daß hinter dieser Staatlichem Schöpfung immer schon der Kapitalismus stand in Form der jüdischen Plutokratie: Auf diese letztgenannte geht er nicht ausdrücklich ein, das wäre ein ideologischer lapsus linguae, jedoch – „c’est l’or juij“! – niemand wird „im täuschen über die tatsächliche Bestelltheit eines Landes, das am einer schlechten Idee geboren, am schlechten Orte errichtet, einen oder mehrere schlechte Kriege geführt und Siege erfochten hat,

Mißverständnisse sind nach Möglichkeit zu vermeiden. Ich weiß so gut wie irgendwer und jedermann, daß Israel objektiv die unerfreuliche Rolle der Besatzungsmacht trägt. Alles zu justifizieren, was die diversen Regierungen Israels unternehmen fällt mir nicht ein. Meine persönlichen Beziehungen zudiesem Land, von dem Thomas Mann in der Josephs-Tetralogie gesagt hat,es sei „ein Mittelmeer-Land, nicht gerade heimatlich etwas staubig und steinig“, sind quasi null: Ich habe es niemals besucht, spreche seine Sprache nicht, seine Kultur ist mir auf geradezu schmähliche Weise fremd, seine Religion ist nicht die meine. Dennoch ist das Bestehen dieses Staatswesens mir wichtiger als das Irgendeines anderen,

Und hiermit gelangen wir an den Punkt, wo es ein Ende hat mit jederberatenden oder analysierenden Objektivität und wo das Engagement keinefreiwillig eingegangene Verbindlilchkeit ist, sondern eine Sache der Existenz, das Wort in mancherlei Bedeutung verstanden.

Über Israel, den modischen Anti-Israelismus, den altmodischen, aber stets in jegliche Mode sich wieder einschleichenden Antisemitismus spricht existentiell subjektiv, wer irgendwie „dazugehört“ (Juden, Personen, die im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1935 als Juden gelten) – und erreicht am Ende vielleicht gerade darum eine Objektivität annähernd naturrechtlichen Charakters. Denn schließlich mündet noch die geistesschlichteste – genauso wie die gründlichste und gescheiteste – Überlegung in die Erkenntnis, daß dieses Pionierland, und mag es hundertmal nach einer sich pervertierenden pseudomarxistischen Theologie im Sündenstande technischer Hochentwicklung sich befinden, unter allen Staaten dieses geopolitischen Raumes das gefährdetste ist. Sieg, Sieg und nochmals Sieg: Es droht die Katastrophe, und ihr weicht man auch nicht aus, indem man direkt in sie hineinrennt und Israel zum Teilgebiet einer palästinensischen Föderation macht.

Die arabischen Staaten, denen ich Glück und Frieden wünsche, werden den israelischen Entwicklungsvorsprung einholen, irgendeinmal. Ihr demographischer Überdruck wird das übrige tun. Es geht unter allen Umständen darum, den Staat Israel zu erhalten, so lange, bis Frieden, wirtschaftlicher und technischer Vorausgang die Araber in einen allgemeinen Gemütszustand versetzen, der ihnen die Anerkennung Israels innerhalb gesicherter Grenzen gestattet.

Es geht darum. Wem? Die subjektive Verfassung, die zur geschichtlichen Objektivität werden will, hat hier ihre Dreinrede. Israels Bestand ist unerläßlich für alle Juden (Juden, Personen, die im Sinne … und so weiter), wo immer sie wohnen mögen. „Wird man mich zwingen, Johnson hochleben zu lassen? Ich bin bereit dazu“, rief am Vorabend des Sechs-Tage-Krieges der linksradikale französische Publizist und Sartre-Schüler Claude Lanzmann. Der wußte, was er meinte und wollte. Denn jeder Jude ist der „Katastrophen-Jude“, einem katastrophalen Schicksal ausgeliefert, ob er es erfaßt oder nicht. „Lauf, blasser Jude“, schreiben die Black-Panther-Männer an die Geschäfte und Häuser jüdischer Händler in Harlem und vergessen leichten Herzens die alte Allianz, die in den USA den Juden an den Neger kettete und die noch der mieseste bürgerlich-jüdische Händler nicht verriet.

Wer garantiert, daß nicht einmal eine Regierung in den Vereinigten Staaten zum großen Versöhnungsfest den Juden dem Neger zum Fraß hinwirft? Wer verbürgt den einflußreichen und zum Teil reichen Juden Frankreichs, daß nicht eines Tages das Erbe der Drumont, Maurras, Xavier Vallat zu neuer Virulenz gelangt? Wer steht ein dafür, daß nicht Herrn Strauß, an die Macht gekommen, irgend was einfällt, worauf dann auch ein gewisser Zeitungs-Tycoon sich hüten würde, weitere schnöde Spenden einer schnöde zur Annahme bereiten israelischen Regierung zu geben? Niemand garantiert nichts. Das ist keine paranoide Phantasie und ist mehr als die menschliche Grundverfassung der Gefahr. Die Vergangenheit, die allerjüngste, brennt.

Und nun wird jeder Freund von der Linken mir sagen, auch ich reihte mich ein in die große Armee derer, die mit sechs Millionen (oder meinetwegen fünfen oder vieren) Ermordeter Meinungserpressung treiben. Das Risiko ist einzugehen! Es ist geringer als das andere, welches die Freunde mir proponieren, wenn sie für die Selbstaufgabe des „zionistischen“ Israel plädieren.

Die Forderung der praktisch- politischen Vernunft geht dahin, daß die Solidarität einer Linken, die sich nicht preisgeben will (ohne daß sie dabei das unerträgliche Schicksal der arabischen Flüchtlinge ignorieren muß), sich auf Israel zu erstrecken, ja, sich um Israel zu konzentrieren hat, Das Gebot hat für den nichtjüdischen Mann der Linken nicht die gleiche Verbindlichkeit wie für Juden, stehe dieser politisch links, mittwegs, rechts oder „irgendwo, Aus der Linken kann man austreten; das Sosein als Jude entläßt niemand, das wußte schon ein Früh-Antisemit wie Lanz-Liebenfels, Freilich hat die Linke ihre ungeschriebenen moralischen Gesetze, die sie nicht beugen darf, „Wo es Stärkere gibt, immer auf der Seite der Schwächeren“, welch unüberschreitbar wahre Trivialität! Und stärker werwagte Widerrede? = das sind die Araber stärker an Zahl, stärker an Öl, stärker an Dollars, man frage doch bei der Aramco und in Kuwait nach, stärker, ganz gewiß, an Zukunftspotential.

Die Linke aber offensichtlich schaut wie gebannt auf die tapferen palästinensischen Partisanen, die freilich ärmer sind als die Männer Moshe Dayans. Sie sieht nicht, daß trotz Rothschild und einem wohlhabenden amerikanischjüdischen Mittelstand der Jude immer noch schlechter dran ist als Frantz Fanons Kolonisierter, sieht das so wenig wie das Phänomen des anti-imperialistischen jüdischen Freiheitskampfes, der gegen England ausgefochten wurde. Am Ende ist es auch nicht die Schuld der Israelis, wenn die Sowjetunion vergaß, was 1948 vor der UNO Gromyko mit schönem Vibrato vorgetragen hat: „Was den jüdischen Staat betrifft, so ist seine Existenz bereits ein Faktum, das gefalle oder nicht (…) Die Delegation der UdSSR kann sich nicht enthalten, ihr Erstaunen über die Einstellung der arabischen Staaten in der palästinensischen Frage auszudrücken. Ganz besonders sind wir überrascht zu sehen, daß diese Staaten oder zumindest einige von ihnen sich entschlossen haben, militärische Maßnahmen zu ergreifen mit dem Ziele, die nationale Befreiungsbewegung der Juden zu vernichten. Wir können die vitalen Interessen der Völker des Nahen Ostens nicht identifizieren mit den Erklärungen gewisser arabischer Politiker und arabischer Regierungen, deren Zeugen wir jetzt sind.“

So sprach, wie schon gesagt, die Sowjetunion, eine Großmacht, die Großmachtpolitik treibt und die wohl 4 la longue nicht absehen konnte von dem offenbaren Faktum, daß es mehr Araber gibt als Juden, mehr arabisches Öl all jüdisches, daß militärische Stützpunkte in den arabischen Staaten einen höheren strategischen Wert haben als in Israel, Die Linke im weiteren und weitesten Sinn aber, und ganz besonders die protestierende äußerste Linke, der ich mich auf weiten Strecken verbunden weiß, hat diese Großmacht? Ausflucht nicht, Sie ist, nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, zur Einsicht verpflichtet Sur Einsicht in die tragische Schwäche des jüdischen Staates und jedes einzelnen Juden in der Diaspora, zur Einsicht in das, was hinter den Kulissen eines jüdischen bürgerlichen Mittelstand des, Hinter dem Mythos des Geld= und Gold-Juden (von Jud Süß bis zu den kontemporären Rothschilds und ein paar jüdischen Hollywood-Größen) sich verbirgt. Die Juden manipulieren zeitweilig Kapitalien: Sie beherrschten sie niemals. Sie haben heute in Wall Street so wenig zu sagen wie einst im wilhelminischen Deutschland in der Schwerindustrie.

Der Staat Israel ist heute so wenig ein Bollwerk des Kapitalismus, wie er es war, als die ersten Pioniere dort den Boden umgruben, so wenig wie die arabischen Staaten vernünftigerweise als progressistisch angesehen werden können. Die Linke macht, das ist der Jammer, die Augen zu. Der Zufall spielte mir gerade einen Text von Hans Blüher zu: „Eine wirkliche Geschichte Europas dürfte nicht so geschrieben werden wie das bisher geschah, daß nämlich ein Jude einmal hie und da anekdotenhaft vorkommt …, vielmehr müßte die Darstellung so sein, daß dauernd die geschichtliche Macht des Judentums als eines latenten und ständig mitspielenden Reiches sichtbar wird.“ Der Text könnte wörtlich in einer der zahlreichen pseudointellektuellen arabischen Veröffentlichungen stehen, mit denen die Presse überschwemmt wird. Und von Blüher – aber auch von Streicher, denn allerwegen ebnet der Antisemitismus die intellektuellen Höhenunterschiede ein – könnte stammen, was der Unterrichtsminister des progressistischen Staates Syrien an den Generaldirektor der Unesco schrieb: „Der Haß, den wir unseren Kindern einprägen, ist ein heiliger Haß.“ Es wäre das alles kaum der Aufnotierung wert, und der närrische Blüher könnte im Frieden des Vergessens schlafen, hätte nicht die intellektuelle Linke Westeuropas (einschließlich übrigens einiger vom Selbsthaß verstümmelter Juden wie Maxim Rodinson) sich dieses Vokabulars bemächtigt und das vom Wortschatz vermittelte Normensystem angenommen.

Wenn aus dem geschichtlichen Verhängnis der Juden- beziehungsweise Antisemitenfrage, zu dem durchaus auch die Stiftung des nun einmal bestehenden Staates Israel gehören mag, wiederum die Idee einer jüdischen Schuld konstruiert wird, dann trägt hierfür die Verantwortung eine Linke, die sich selber vergißt, „Der Antizionismus ist ein von Grund auf reaktionäres Phänomen, das von den revolutionären progreslistischen antikolonialistischen Phrasen über Israel verschleiert wird“, sagte neulich Robert Misrahi, ein französischer Philosoph, der, gleich dem vorhin zitierten Claude Lanzmann, zur weiteren Sartre-Familie gehört.

Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken ist gekommen! denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt. Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben, Leute wie der polnische General Moçzar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten Die Linke muß redlicher sein, Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus,

Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen „Überlegungen zur Judenfrage“? „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden,“

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Neues/Altes von „Occupy Wallstreet“

28 Okt

Diese antisemitischen „Karikaturen“ sprechen wohl für sich. Empfohlen sei dazu der „Occupy Reason!“ Artikel vom ISF:

„Daß Lohnarbeit Sinn mache, wo sie doch nur die Verwertungsagentur des Kapitals darstellt, daß sie “ethischen und seelischen Wert” bedeute, während sie doch Zwang ist, daß aus ihr gar “ein Ideal” erwachse und eine “Ehre der Arbeit”, woraus sodann und naturgemäß “eine gemeinsame Auffassung von Volk und Nation” folgere, daß schließlich der deutsche Nationalzoo gegen das “gewisse” parasitäre eine Prozent zu verteidigen sei – das blieb nicht der Traum der Deutschen Arbeitsfront, sondern mündete in der Volksfront gegen die Juden. Auch “Occupy” brütet Mordphantasien. Und so wird, wer als Urheber der “Schuldknechtschaft” identifiziert worden ist, schon einmal im Geiste aufgehängt. So waren in Berlin Plakate zu sehen, die einen Galgenstrick unter der Schlagzeile “Alternativlos” und Leichen, die an Straßenlaternen hingen, mit der Aufforderung zeigten, es sei nun “Zeit für einen Laternenumzug”. Im Ressentiment ist man sich allemal einig, und eben dies ist der Grund, warum “Leute, die sich sonst zerstritten hätten”, so “wunderbar” miteinander auskommen. Denn der völkische Wahn war mit dem 8. Mai 1945 und folgenden Zwangspazifizierung der Deutschen keineswegs am Ende. Daß er bis heute Staats- und Volksauftrag ist, verrät sich in der Krise. So ist die deutsche Variante von “Occupy” nur der neueste Ausdruck des deutschen Arbeitswahns, dem die deutsche Ideologie und ergo auch die Boulevardpresse huldigt, so, nur zum Beispiel, der Stern. Dort ruft Hans-Ulrich Jörges, der Chef-Kommentator, der bei anderer Gelegenheit das kalte Kalkül des Staates, die überschüssige Bevölkerung nicht dem Hunger zu überlassen, eine “wahre Honigroute zum Kommunismus” nannte, dazu auf, der die “Realwirtschaft (zer-)störenden Spekulation” müsse “das Kreuz gebrochen werden”. Die deutsche Unschuld sinnt schon wieder auf Rache.“

 

Handfeste „Israelkritik“

26 Okt

In Halle kam es bei einer antizionistischen Veranstaltung, die bezeichnenderweise im Rahmen der „Interkulturellen Woche“ stattfand, zu Handgreiflichkeiten und antisemitischen Beschimpfungen seitens einiger Besucher. Dies ist bei Veranstaltungen dieser Art keine Seltenheit. Auch in Braunschweig kam es bei einem Vortrag von Evelyn Hecht-Galinski, organisiert von den notorischen Israelhassern des „Deutsch-Palästinensischen Vereins„, durch eben diese zu Drohungen, Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten.

Redebeitrag Gruppe Morgenthau

25 Okt

Anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler in Frankfurt/M. hat die „Gruppe Morgenthau“ einen sehr lesens– und hörenswerten Beitrag gehalten, auf den hiermit hingewiesen sei.

Prof. Antisemit – „Friedenszentrum“ lädt Khella ein

18 Apr

Eine mangelnde Ausdauer kann man dem „Braunschweiger Friedenszentrum“ nun wirklich nicht vorwerfen. Nach Veranstaltungen mit dem unvermeidlichen Kronzeugen gegen Israel, Edo Medicks, der notorisch antizionistischen Felicia Langer finden sich zum „Jahrestag“ der „Operation Gegossenes Blei“ wieder allerlei Behauptungen und Unwahrheiten in Form eines Manifestes auf der Homepage der besagten Gruppe. Dass nicht einmal mehr der „Israelkritiker“ Goldstone selbst diese antijüdische Hetze noch so stehen lässt, interessiert selbstverständlich niemanden, aber das es um wirkliches Interesse im herkömmlichen Sinn geht, steht ja bei derartig ressentimentgeladener Verleumdung ausser Frage.

Als besonderen Clou für den Mai hat sich das „Friedenszentrum“ den „Chefideologe[n] der Restbestände des anti-imperialistischen Lagers“ (Haury, S. 15), den „völkisch-stalinistischen Antizionisten“ (Grigat) Prof. Karam Khella, eingeladen, der, dem Alter der Friedensfreunde angemessen, bereits seit Jahrzehnten seine Vernichtungswünsche gegenüber Israel in die Welt hinaus Posaunt und sich mit dem Titel als Professor ganz besonderer Autorität erfreut. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die antizionistische Zombieavantgarde mit Werner Pirker, Jürgen Elsässer oder doch gleich Horst Mahler, die alle von einem deutschen Frieden ohne Juden träumen, komplettiert wird.

Dieser Berliner Professor, der „Saddams Krieg als Fortsetzung der Intifada mit anderen Mitteln pries“ (ISF, S. 2), den Organisator der muslimischen SS-Division „Handschar“, Mohammed Amin al-Husseini (besser bekannt als Großmufti von Jerusalem) zu einem Gegner der Judenvernichtung macht (vgl. Tarach, S. 86), die „Zionisten als Kollaborateure der Nazis und Israel als Nazistaat des nahen Ostens bezeichnete“ (HUMMEL Antifa), für den Israel „ein einziges Kontinuum des Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ ist (Haury, S. 11) und natürlich bestreitet, dass „Ahmadinedjad [sich] je antisemitisch geäußert hat“ (Lizas Welt) soll also den Zuhörerinnen und Zuhörer am 26.05.2011 in der VHS Alte Waage in Braunschweig referieren, wie es denn nun aussieht mit dem „Demokratischen Aufbruch in der arabischen Welt?“.

Die Wahnwelt des Herrn Prof. Khella (und seiner Fans) wird aber nicht nur an seiner völlig irren Geschichtsauffassung deutlich, sondern auch an der typischen Reaktionsweise auf Kritik: Sie sind „ein weiterer Beleg für den hohen Anteil projektiver Energien und Identifikationsbedürfnisse und zeugen von der Brüchigkeit der ‚revolutionären Identitäten‘ bei den zur Sektenhaftigkeit herabgesunkenen Antizionisten im antiimperialistischen und autonomen Lager. […] K. KHELLA erkennt da schon ‚gezielt und systematisch betriebene‘ ‚Zersetzung‘ am Werke, welche den Tatbestand der ‚Volksverhetzung‘ erfülle“ (Haury, S. 16).

Es ist wohl folgerichtig, dass Khella dementsprechend auch ein riesiger Fan von „Oberst“, wie es in solchen Kreisen heisst, Quaddafi ist. Darum wird es wohl auch bei der Veranstaltung des „Friedenszentrums“ gehen, denn Khella hat mehrer Jubelarien über seinen „Oberst“ geschrieben, etwa „Die libysche Herausforderung – Innere Entwicklung und äußere Bedrohung eines aufregenden Experiments“. Damit ist über Khellas primitiven Antiimperialismus auch schon alles notwendige gesagt, hie das gute, weil antiamerikanischen Volk unter seinem Führer, dort die schlimmen Imperialisten. Das es sich bei Libyen nicht um ein „spannendes Experiment“, sondern ein „aus panarabistischen und islamischen Elementen zusammengebrauten völkischen Sozialismus“ (Wolter), ähnlich wie in Venezuela handelt, kann ein derart begriffsstutziger Stalinistenopa natürlich genausowenig verstehen, wie den Fakt, dass Leute an mehr interessiert sind als an durch Ölrenten finanzierte Wohnung in einer Militärdiktatur, etwa bürgerlichen Rechten. Dass solcherlei Menschenverachtung ausgerechnet durch „Friedensbewegte“ wieder aufgewärmt wird, ist einer Begriffslosigkeit von Gesellschaft geschuldet, die sich genauso gegen Israel entlädt. Somit ist die neue Veranstaltung des „Friedenszentrums“ nicht besser oder schlimmer als das, was man gewohnt ist, aber mindestens genauso wahnsinnig.

Das „Friedenszentrum Braunschweig“ und seine angeschlossenen Vereine und Freunde stellen sich damit einmal mehr ausserhalb aller verhandelbarer Positionen, zeigen sich gegen jede Form von Aufklärung und Vernunft immun und bekennen erneut klar Flagge auf Seite des Ressentiments, der Antisemiten und Menschenfeinde: „Man hat eine Friedensbewegung machen wollen, und es wurde eine deutschnationale Erweckungsbewegung daraus.“ (Pohrt, S. 76).

Grigat, Stephan: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web27.html.

Haury, Thomas: Zur Logik des deutschen Antizionismus.

HUMMEL Antifa: Gegen die Nahostkonferenz der Zeitschrift Kalaschnikow. http://de.indymedia.org/2002/09/30167.shtml.

Initiative Sozialistisches Forum: Radioten in Dreyeckland. In: Konkret August 199.

Lizas Welt: Palästina an der Leine.

Pohrt, Wolfgang: Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden & Schriften.

Tarach, Tilmann: Ewiger Sündenbock. Heiliger Krieg, die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ und die Verlogenheit der Linken im Nahostkonflikt.

Wolter, Udo: Wie Linke einem Dikator nachweinen. Über das Verhältnis deutscher und europäischer Linker zu Muammar al-Gaddafi, der gerade die libysche Oppositionsbewegung massakrieren lässt. In: Jungle World Nr.9, 3. März 2011.

Die Opfer des Nationalsozialismus?

31 Okt

Über das Bedürfnis deutscher Bauchkommunisten den Widerstand gegen den NS hoch, das „Volk“ rein und die Judenvernichtung klein zu halten.

„Auch wenn die Kommunisten und Sozialdemokraten, die Liberalen und die Konservativen in fast allen wesentlichen Punkten uneining sind, gibt es mindestens zwei Punkte, in denen sie sich fast ausnahmslos einig sind: daß die Nazis böse sind und die Deutschen gut. […] Sie glauben allen Ernstes, daß Millionen von Deutschen sich unablässig wie Vandalen benehmen, nur weil Hitler sie dazu ‚zwingt‘.“

Klaus Mann


Es kann hin und wieder vorkommen, dass einem auf die Aussage hin, dass ja die Deutschen als geschlossenes Mordkollektiv, Volksgemeinschaft ohne Anführungszeichen, zusammengeschweißt und sofern möglich sogar über den 8. Mai 1945 hinaus tätig wurden, von Bauchkommunisten entgegengeschmettert wird, dass dies eine Lüge sei und doch Kommunist X und Kommunistin Y eifrig Widerstand leisteten. Was aus dieser famosen, Unwissenheitsbeflissenen und ideologischen Behauptung spricht ist vielweniger die Anerkennung von tatsächlicher Widerstandstätigkeit, die es sehr wohl gab, als die Erhaltung und Reinwaschung eines positiv, mitunter als revolutionäres Subjekt besetzten Fixpunktes, den die marxistisch-leninistische Weltanschauung als Legitimationsgrundlage brauch und somit notwendigerweise aus sich selbst heraus hervorbringt.

So hat man 1945 auch sehr schnell verstanden, dass mit diesen Deutschen eigentlich ein normaler Staat nicht zu machen ist und man tat insbesondere in der SBZ das, was unser Bauchkommunist auch am liebsten macht, statt mit der Wirklichkeit interaktiv in Kontakt zu treten und nach Erkenntnis zu trachten, passt man in einer grandiosen metaphysischen Realitätsumdeutungs-Leistung die Wirklichkeit seinem eigenen Starrkopf an. In diesem Prozess geht es maßgeblich darum den Antisemitismus als konstituierendes Moment des Nationalsozialismus abzuschaffen, frei nach Dimitroff das „internationale imperialistische Monopol- und Finanzkapital“ als Strippenzieher hinter Hitler auszumachen und schlußendlich dem armen, verarschten aber schaffendem deutschen Volk die kosmopolitische, kapitalistisch-zionistisch-imperialistische und Vaterlandslose Raffgier einer Verschwörung von Zylinder-Kapitalisten gegenüber zu stellen. Mit der von Schuld frei gewordenen und zum Volk gewordenen Klasse, ist Sozialismus dann wieder möglich und jegliche Fehler in diesem Sozialismus-Versuch sind bei der Verschwörung zu suchen und zu finden.
So war es historisch in der DDR und alles alternativ, bauchlink und marxistisch-leninistisch vom Widerstand daherredende Stammtischklientel Jahrzehnte später, oszilliert nur in den verschiedenen Stadien dieses Prozesses der einzigartigen Relativierung und erneuten Verächtlichmachung der Opfer der Shoa. Schließlich hetzte man in der „Roten Fahne“ schon vor 1933 gegen „jüdische Geldkapitalisten“ und versuchte die Nationalsozialisten rechts zu überholen. Die Überhöhung der zweifellos furchtbaren Leiden der Kommunisten im NS lässt sich direkt im Juni 1945 durch den Berliner Hauptausschuß „Opfer des Faschimus“ (OdF), einer Vorläuferorganisation des VVN-BdA, ablesen:

„Opfer des Faschismus sind Millionen Menschen und alle diejenigen, die ihr Heim, ihre Wohnung, ihren Besitz verloren haben. Opfer des Faschismus sind die Männer, die Soldat werden mußten […], sind alle, die für Hitlers verbrecherischen Krieg ihr Leben geben mußten, Opfer des Faschismus sind die Juden, die als Opfer des faschistischen Rassenwahns verfolgt und ermordet wurden, sind die Bibelforscher und die ‚Arbeitsvertragssünder‘. Aber so weit können wir den Begriff ‚Opfer des Faschismus‘ nicht ziehen. Sie haben alle geduldet und Schweres erlitten, aber sie haben nicht gekämpft. Diesen Menschen muß im Rahmen der allgemeinen Fürsorge geholfen werden. Damit ist entschieden, daß Juden, Mischlinge, Bibelforscher, die meisten Fälle der Wehrkraftzersetzung, Meckerer usw. nicht in den eng gezogenen Rahmen der ‚Opfer des Faschismus‘ einbezogen werden können.“ (1)

Dieser erneute Verächtlichmachung der Opfer der Shoa, diesmal durch deutsche „Kommunisten“ ist bei aller Kritik, die es bei derartigen Formulierungen bei den OdF und später im VVN gab, symptomatisch für die Unfähigkeit dieser Leute den Antisemitismus und die Vernichtung zu begreifen. Vor dem Nationalsozialismus haben sie den Antisemitismus abgetan, als Spaltungsideologie belächelt und gleichzeitig gegen die „Judenkapitalisten“ gehetzt und zu ihrer Ermordung aufgerufen und nach dem Krieg sahen sie ihr Bild, des vom Wesen nach antikommunistischen Nationalsozialismus, bestätigt, blind gegenüber Auschwitz und jeder Spezifik.
Wie sehr diesen wohlgemerkt als „Kommunisten“ sich bezeichnenden Leuten selbst der Antisemitismus aus dem Knopfloch tropfte und das die „Holocaustindustrie“ eines Finkelstein keine neue Erfindung ist, zeigt sich in Berlin 1946, ebenfalls auf einem OdF-Kongress, auf dem Juden pauschal als „Vertreter kleinlicher Interessen und des Geldbeutels“ (2) bezeichnet werden. Ein Jahr später bekommt ein jüdischer Antragsteller auf soziale Unterstützung vom Landratsamt Lebus in Brandenburg folgende Antwort: „Ihre materielle Unersättlichkeit, die aus jeder Zeile Ihres Briefes hervorgeht, zeigt, daß Sie nicht das geringste Verständnis für die Lage unseres Volkes haben. […] Sie scheinen es noch nicht zu wissen, daß wir durch den verlorenen faschistischen Krieg bettelarm geworden sind.“ (3) Unnötig fast, zu erwähnen, dass die Arisierung der Nazis von jüdischem Eigentum in der SBZ als vorweggenommene Verstaatlichung betrachtet wurde, habe es ja schließlich eh Kapitalisten, vulgo die Richtigen getroffen. Entschädigungszahlungen, gar an in Israel lebende Juden wurden als Verrat am Deutschen Sozialismus gesehen, übrigens unter Mithilfe des VVN.
Und so landen wir schlussendlich wieder bei unserem Bauchkommunisten im 21. Jahrhundert. Wie kann es sein, dass dieser trotz des Wissens über Auschwitz, über Nationalsozialismus und darüber, dass dieser bis zum Ende von den Deutschen mit Waffen verteidigt wurde, ernsthaft einen heroischen Widerstand von Kommunisten herbei halluziniert, statt die Gründe für das abgrundtiefen Versagen der sich selbst als fortschrittlichen Kräfte bezeichnenden Menschen zu suchen, wie es beispielsweise Vertreter der kritischen Theorie versucht haben? Selbst Ulbricht und Pieck warteten in Moskau schließlich schon, vergebens, auf einen Aufstand der Deutschen, alleine schon um die drohende Invasion abzuwehren.
Zu erklären ist dieses Verhalten, das Abwehren von Schuld bei gleichzeitig impliziter Verharmlosung der Judenvernichtung, nur durch das triebhafte Einpassen der Welt in ein vorgefertigtes manichäistisches Weltbild. Einfach gesagt: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass es sich bei diesem Weltbild um marxistisch-leninistische Ideologie handelt erklärt zudem die Kontinuität der Blindheit dieser Leute, von Weimarer Republik, der Odf, später dann VVN bis zu den heutigen Bauchkommunisten deutscher, also abscheulichster Prägung. Schließlich ist bei einem personifizierenden Kapitalismusverständnis für den Klassenkampf auch ein revolutionäres Subjekt vonnöten und Klassenbewusste Widerstandskämpfer taugen mehr als der geifernde Pogrommob und SS-Freiwilligenverbände.
(1) Zit. nach Thomas Haury: Antisemitismus von links. S. 306

(2) ebenda S. 311

(3) ebenda

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