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Die Opfer des Nationalsozialismus?

31 Okt

Über das Bedürfnis deutscher Bauchkommunisten den Widerstand gegen den NS hoch, das „Volk“ rein und die Judenvernichtung klein zu halten.

„Auch wenn die Kommunisten und Sozialdemokraten, die Liberalen und die Konservativen in fast allen wesentlichen Punkten uneining sind, gibt es mindestens zwei Punkte, in denen sie sich fast ausnahmslos einig sind: daß die Nazis böse sind und die Deutschen gut. […] Sie glauben allen Ernstes, daß Millionen von Deutschen sich unablässig wie Vandalen benehmen, nur weil Hitler sie dazu ‚zwingt‘.“

Klaus Mann


Es kann hin und wieder vorkommen, dass einem auf die Aussage hin, dass ja die Deutschen als geschlossenes Mordkollektiv, Volksgemeinschaft ohne Anführungszeichen, zusammengeschweißt und sofern möglich sogar über den 8. Mai 1945 hinaus tätig wurden, von Bauchkommunisten entgegengeschmettert wird, dass dies eine Lüge sei und doch Kommunist X und Kommunistin Y eifrig Widerstand leisteten. Was aus dieser famosen, Unwissenheitsbeflissenen und ideologischen Behauptung spricht ist vielweniger die Anerkennung von tatsächlicher Widerstandstätigkeit, die es sehr wohl gab, als die Erhaltung und Reinwaschung eines positiv, mitunter als revolutionäres Subjekt besetzten Fixpunktes, den die marxistisch-leninistische Weltanschauung als Legitimationsgrundlage brauch und somit notwendigerweise aus sich selbst heraus hervorbringt.

So hat man 1945 auch sehr schnell verstanden, dass mit diesen Deutschen eigentlich ein normaler Staat nicht zu machen ist und man tat insbesondere in der SBZ das, was unser Bauchkommunist auch am liebsten macht, statt mit der Wirklichkeit interaktiv in Kontakt zu treten und nach Erkenntnis zu trachten, passt man in einer grandiosen metaphysischen Realitätsumdeutungs-Leistung die Wirklichkeit seinem eigenen Starrkopf an. In diesem Prozess geht es maßgeblich darum den Antisemitismus als konstituierendes Moment des Nationalsozialismus abzuschaffen, frei nach Dimitroff das „internationale imperialistische Monopol- und Finanzkapital“ als Strippenzieher hinter Hitler auszumachen und schlußendlich dem armen, verarschten aber schaffendem deutschen Volk die kosmopolitische, kapitalistisch-zionistisch-imperialistische und Vaterlandslose Raffgier einer Verschwörung von Zylinder-Kapitalisten gegenüber zu stellen. Mit der von Schuld frei gewordenen und zum Volk gewordenen Klasse, ist Sozialismus dann wieder möglich und jegliche Fehler in diesem Sozialismus-Versuch sind bei der Verschwörung zu suchen und zu finden.
So war es historisch in der DDR und alles alternativ, bauchlink und marxistisch-leninistisch vom Widerstand daherredende Stammtischklientel Jahrzehnte später, oszilliert nur in den verschiedenen Stadien dieses Prozesses der einzigartigen Relativierung und erneuten Verächtlichmachung der Opfer der Shoa. Schließlich hetzte man in der „Roten Fahne“ schon vor 1933 gegen „jüdische Geldkapitalisten“ und versuchte die Nationalsozialisten rechts zu überholen. Die Überhöhung der zweifellos furchtbaren Leiden der Kommunisten im NS lässt sich direkt im Juni 1945 durch den Berliner Hauptausschuß „Opfer des Faschimus“ (OdF), einer Vorläuferorganisation des VVN-BdA, ablesen:

„Opfer des Faschismus sind Millionen Menschen und alle diejenigen, die ihr Heim, ihre Wohnung, ihren Besitz verloren haben. Opfer des Faschismus sind die Männer, die Soldat werden mußten […], sind alle, die für Hitlers verbrecherischen Krieg ihr Leben geben mußten, Opfer des Faschismus sind die Juden, die als Opfer des faschistischen Rassenwahns verfolgt und ermordet wurden, sind die Bibelforscher und die ‚Arbeitsvertragssünder‘. Aber so weit können wir den Begriff ‚Opfer des Faschismus‘ nicht ziehen. Sie haben alle geduldet und Schweres erlitten, aber sie haben nicht gekämpft. Diesen Menschen muß im Rahmen der allgemeinen Fürsorge geholfen werden. Damit ist entschieden, daß Juden, Mischlinge, Bibelforscher, die meisten Fälle der Wehrkraftzersetzung, Meckerer usw. nicht in den eng gezogenen Rahmen der ‚Opfer des Faschismus‘ einbezogen werden können.“ (1)

Dieser erneute Verächtlichmachung der Opfer der Shoa, diesmal durch deutsche „Kommunisten“ ist bei aller Kritik, die es bei derartigen Formulierungen bei den OdF und später im VVN gab, symptomatisch für die Unfähigkeit dieser Leute den Antisemitismus und die Vernichtung zu begreifen. Vor dem Nationalsozialismus haben sie den Antisemitismus abgetan, als Spaltungsideologie belächelt und gleichzeitig gegen die „Judenkapitalisten“ gehetzt und zu ihrer Ermordung aufgerufen und nach dem Krieg sahen sie ihr Bild, des vom Wesen nach antikommunistischen Nationalsozialismus, bestätigt, blind gegenüber Auschwitz und jeder Spezifik.
Wie sehr diesen wohlgemerkt als „Kommunisten“ sich bezeichnenden Leuten selbst der Antisemitismus aus dem Knopfloch tropfte und das die „Holocaustindustrie“ eines Finkelstein keine neue Erfindung ist, zeigt sich in Berlin 1946, ebenfalls auf einem OdF-Kongress, auf dem Juden pauschal als „Vertreter kleinlicher Interessen und des Geldbeutels“ (2) bezeichnet werden. Ein Jahr später bekommt ein jüdischer Antragsteller auf soziale Unterstützung vom Landratsamt Lebus in Brandenburg folgende Antwort: „Ihre materielle Unersättlichkeit, die aus jeder Zeile Ihres Briefes hervorgeht, zeigt, daß Sie nicht das geringste Verständnis für die Lage unseres Volkes haben. […] Sie scheinen es noch nicht zu wissen, daß wir durch den verlorenen faschistischen Krieg bettelarm geworden sind.“ (3) Unnötig fast, zu erwähnen, dass die Arisierung der Nazis von jüdischem Eigentum in der SBZ als vorweggenommene Verstaatlichung betrachtet wurde, habe es ja schließlich eh Kapitalisten, vulgo die Richtigen getroffen. Entschädigungszahlungen, gar an in Israel lebende Juden wurden als Verrat am Deutschen Sozialismus gesehen, übrigens unter Mithilfe des VVN.
Und so landen wir schlussendlich wieder bei unserem Bauchkommunisten im 21. Jahrhundert. Wie kann es sein, dass dieser trotz des Wissens über Auschwitz, über Nationalsozialismus und darüber, dass dieser bis zum Ende von den Deutschen mit Waffen verteidigt wurde, ernsthaft einen heroischen Widerstand von Kommunisten herbei halluziniert, statt die Gründe für das abgrundtiefen Versagen der sich selbst als fortschrittlichen Kräfte bezeichnenden Menschen zu suchen, wie es beispielsweise Vertreter der kritischen Theorie versucht haben? Selbst Ulbricht und Pieck warteten in Moskau schließlich schon, vergebens, auf einen Aufstand der Deutschen, alleine schon um die drohende Invasion abzuwehren.
Zu erklären ist dieses Verhalten, das Abwehren von Schuld bei gleichzeitig impliziter Verharmlosung der Judenvernichtung, nur durch das triebhafte Einpassen der Welt in ein vorgefertigtes manichäistisches Weltbild. Einfach gesagt: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass es sich bei diesem Weltbild um marxistisch-leninistische Ideologie handelt erklärt zudem die Kontinuität der Blindheit dieser Leute, von Weimarer Republik, der Odf, später dann VVN bis zu den heutigen Bauchkommunisten deutscher, also abscheulichster Prägung. Schließlich ist bei einem personifizierenden Kapitalismusverständnis für den Klassenkampf auch ein revolutionäres Subjekt vonnöten und Klassenbewusste Widerstandskämpfer taugen mehr als der geifernde Pogrommob und SS-Freiwilligenverbände.
(1) Zit. nach Thomas Haury: Antisemitismus von links. S. 306

(2) ebenda S. 311

(3) ebenda

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